Typische Fragen
Gutachten
Forschung
Beratung
Über uns
Kontakt
Impressum

Kollisionen mit geöffneten Pkw-Türen


Relativ häufig ist der Anstoß von hinten gegen eine ganz oder teilweise geöffnete Tür eines stehenden Pkw zu untersuchen. Oft behauptet in solchen Fällen derjenige, der die Tür geöffnet hat, die Tür sei nur einen Spalt weit geöffnet gewesen. Außerdem habe die Tür bereits einige Zeit in dieser Weise offen gestanden. Dagegen macht der Fahrer des anstoßenden Pkw geltend, die Tür sei plötzlich weit aufgerissen worden.

Wichtige Schlussfolgerungen könnten grundsätzlich aus den Endstellungen der Fahrzeuge gezogen werden. Diese sind in aller Regel aber unbekannt. Man wird also zumeist auf die Interpretation der Schadenbilder angewiesen sein. Erkenntnisse zur Korrelation zwischen Schadenbild und Unfallablauf kann man am besten durch Versuche gewinnen.

Kapitel des Textes
Bisherige Untersuchungen
Neue Versuchsergebnisse
Fazit

Bild 1 vergrößern

Bisherige Untersuchungen

Beim Anstoß gegen geöffnete Pkw-Türen hat der Sachverständige in der Regel zwei Dinge zu ermitteln: Erstens, wie weit die Tür geöffnet war und zweitens, ob sie sich bei dem Anstoß in Bewegung oder im Stillstand befand.

Im Rahmen einer bereits vor längerer Zeit erstellten Studienarbeit [1] [2] wurde eine Reihe von Versuchen mit Anstößen gegen offen stehende Pkw-Türen gemacht. Die wichtigsten Ergebnisse waren zusammengefasst die folgenden:

  • In den meisten Fällen wird die Tür des angestoßenen Fahrzeugs sowohl gestaucht als auch nach vorne umgebogen. Das geschieht auch bei sehr kleinen Öffnungswinkeln.
  • Nur gestaucht ohne umzuschlagen wird eine angestoßene Tür nur bei eher geringer Anstoßgeschwindigkeit. Dabei bleibt das stoßende Fahrzeug noch vor der A-Säule des gestoßenen stehen.
  • Bei Öffnungswinkeln über ca. 45° wird die Tür nur noch umgeschlagen, aber nicht mehr gestaucht. Wenn folglich eine Tür keine Stauchspuren aufweist, heißt das in der Regel, dass sie im Moment des Anstoßes weit geöffnet war.
  • Wenn eine Tür dagegen gestaucht ist, kann man nicht umgekehrt daraus ableiten, dass der Öffnungswinkel klein gewesen sein muss.
  • Ein Sonderfall ist das Abgleiten der Türkante an der Seite des stoßenden Pkw. Dazu kann es nur bei sehr geringen Überdeckungen kommen (weniger als 5 cm).

Bei diesen früheren Versuchen wurde ausschließlich gegen unbewegte Fahrzeugtüren gefahren. Es konnten deshalb nur Erkenntnisse zum Öffnungswinkel gewonnen werden. Der Einfluss, den eine mögliche Bewegung der Tür auf das Schadenbild hat, konnte auf diese Weise nicht untersucht werden.

zum Seitenanfang

Neue Versuchsergebnisse

Unfallanalyse Berlin hat weitere Versuche mit Anstößen gegen geöffnete Türen durchgeführt. Insbesondere sollte herausgefunden werden, welchen Einfluss es auf das Schadenbild hat, wenn die Tür im Augenblick des Anstoßes gerade aufgerissen wird.

Man wird zunächst annehmen, dass in allen Fällen, in denen die Tür nicht an der Front, sondern erst an der Seite angeschlagen ist, die Tür gerade aufgeschwenkt wurde. Man muss aber berücksichtigen, dass manche Pkw an der Front relativ stark eingezogen sind. In solchen Fällen kann zumindest theoretisch der Anstoß erst weiter hinten erfolgen, obwohl die Tür nicht in Bewegung war.

Der vorbeifahrenden Pkw könnte sich auch seitwärts bewegt haben, z. B. um einem entgegenkommenden Lkw nach rechts auszuweichen. Auch dann könnte erst die Seite des Pkw gegen die Türkante gestoßen sein, obwohl die Tür schon längere Zeit geöffnet war. Die Schäden auf dem ersten Bild sind dadurch entstanden, dass die Tür des roten Opel Kadett (rechts im Bild) aktiv gegen die Seite links vorne des Opel Senators (links) geschlagen wurde. Die Tür verhakte sich zunächst seitlich am Stoßfänger des Senator, der dadurch abgerissen wurde. Dann glitt die Türkante zunächst am Kotflügel nach hinten ab. Durch die Reibung wurde die Tür weiter aufgerissen, wodurch der Kotflügel stark seitlich eingedrückt wurde.

Bild 2 vergrößern

Ganz anders sind die Schäden auf dem zweiten Bild entstanden. Hier wurde die Tür des Opel Kadett nicht bewegt. Der vorbeifahrende Opel Senator (links im Bild) schwenkte vielmehr derart nach rechts ein, dass er gegen die Tür geriet und sich sein ausgestelltes rechtes Vorderrad an der Hinterkante der geöffneten Tür verhakte. Die Ähnlichkeit der Schäden jeweils am Opel Senator überrascht zunächst. Dennoch kann man die beiden Vorgänge am Schadenbild deutlich unterscheiden. Typisch für das Verhaken am Vorderrad ist, dass die Streifspur am Kotflügel des Opel Senator entlang einer senkrechten Linie in Höhe des vorderen Raddrittels abrupt abbricht. Findet man ein solches Schadenbild vor, hat sich die Tür mit Sicherheit am Rad verhakt. Dies wiederum ist ein ziemlich sicheres Anzeichen dafür, dass das Rad ausgestellt, der Pkw also zur Seite gelenkt war. Dagegen laufen die Spuren und Verformungen an dem Opel Senator auf dem ersten Bild nach hinten zu erst allmählich aus.

Bild 3 vergrößern

Als Ergebnis eines weiteren Versuchs verdeutlicht das dritte Bild dass sich eine bewegte Tür auch weiter hinten am vorbeifahrenden Pkw verhaken kann. Bei der Verhakung der Türhinterkante im vorderen Türspalt an der A-Säule des vorbeifahrenden Opel Kadett sind an beiden Fahrzeugen erhebliche Schäden entstanden. Es gelang dagegen nicht, allein mit Verschwenken des vorbeifahrenden Fahrzeugs eine Berührung an der A-Säule oder weiter hinten am Vorbeifahrer zu erzielen. Das ist auch leicht nachvollziehbar, denn dazu bedürfte es eines so großen Lenkwinkels, dass der Vorbeifahrer mit seiner Frontecke seitlich vorne gegen das stehende Fahrzeug prallen würde. Wenn der Punkt der ersten Berührung beim vorbeifahrenden Fahrzeug erst an der A-Säule oder weiter hinten liegt, kann man in der Regel davon ausgehen, dass die Tür des stehenden Pkw aufgeschwenkt wurde.

Bild 4 vergrößern
zum Seitenanfang

Fazit

Gerade bei der Untersuchung von Kleinkollisionen und besonderen Fragestellungen kommt der Sachverständige meist nicht ohne praktische Versuche aus. Die Versuche mit Anstößen gegen geöffnete Fahrzeugtüren haben exemplarisch gezeigt, dass die Ergebnisse häufig auch durchaus überraschend sein können. Mit einfachen Plausibilitätsüberlegungen wird man solche Fälle nur höchst selten lösen können. Der Öffnungswinkel oder der Bewegungszustand von getroffenen Pkw-Türen beispielsweise ist ohne die Erkenntnisse aus Versuchen nicht zu klären.

Auch spezielle, auf konkrete Fälle zugeschnittene Versuche können oft mit relativ bescheidenen Mitteln und ohne allzu großen Kostenaufwand durchgeführt werden. Auf der anderen Seite müssen die Versuche der Fallsituation so gut wie möglich angepasst sein. Wenn man die Ergebnisse bestehender Versuche anwendet, ist genau zu prüfen, bis zu welchem Grad die Ergebnisse tatsächlich auf den konkreten Fall übertragbar sind.

Literatur

[1] Holzheimer, Carsten; Steinbart, Ralf:
Untersuchung der Beschädigungskinematik beim Anstoß eines fahrenden Pkw gegen die geöffnete Tür eines stehenden Pkw.
Studienarbeit an der TU Berlin 1990

[2] Rau, Hartmut; Holzheimer, Carsten; Steinbart, Ralf:
Untersuchung der Beschädigungskinematik beim Anstoß eines fahrenden Pkw gegen die geöffnete Tür eines stehenden Pkw
Verkehrsunfall und Fahrzeugtechnik 30 (1992) S. 95 – 99 und S. 139 – 142

zum Seitenanfang


Seite drucken